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Die Ukraine ist der fünftgrößte Exporteur von Weizen weltweit (2019) (Foto: OBV _design auf Unsplash)
09.05.2022

Ukrainische Brauer in Zeiten des Krieges

Geschwächte Brauwirtschaft | Schon die nüchternen Zahlen lassen das Ausmaß der Verheerung durch die russische Invasion erahnen. Bis Ende April 2022 waren nach Schätzungen fünf Millionen Menschen aus dem Land geflohen, mehr als sieben Millionen Menschen im Land vertrieben. Seit Russland Ende März die Belagerung der Hauptstadt Kiew beendet und seine Truppen nach Osten verlegt hat, sollen inzwischen mehr als eine Million Ukrainer in ihr Land zurückgekehrt sein, um ihr Leben, ihre Geschäfte wieder aufzunehmen – und nicht zuletzt ihr Eigentum vor Plünderungen zu schützen.

Die Einwohner von Kiew leben in der gespenstischen Normalität permanenter Bedrohung. Öffentliche Verkehrsmittel sind in Betrieb, mehr und mehr Restaurants öffnen wieder. Es gibt sogar eine Vielzahl deutscher Biere in den Supermarktregalen, die man vorher nicht kannte. Aber viele ukrainische Städte und Dörfer liegen in Trümmern.

Die Kosten für die beschädigte oder zerstörte Infrastruktur – Straßen, Eisenbahnschienen, Wasserleitungen, Stromleitungen – sind immens. Allein in den ersten vier Wochen des Krieges wurden die Schäden mit mehr als 60 Mrd USD beziffert. Darüber hinaus wurden Tausende von Wohngebäuden, Hunderte von Schulen, Krankenhäusern und Fabriken beschädigt, zerstört oder beschlagnahmt. Die Zahl der Todesopfer muss in die Zehntausende gehen.

Mit Beginn der Invasion am 24. Februar verhängte die ukrainische Regierung das Kriegsrecht. Lokale Verwaltungen verboten daraufhin auch in den großen Städten den Verkauf von Alkohol. Carlsberg und AB InBev Efes, die beiden führenden Brauereien des Landes, stoppten sofort die Bierproduktion in ihren sechs Brauereien. Die bekannte Craft Bier-Brauerei Pravda aus Lviv füllte Molotov-Cocktails ab und verteilte sie an die Bevölkerung, während andere kostenlos Trinkwasser für lokale Krankenhäuser, die Bevölkerung und die Armee bereitstellten.

Der Kiewer Vorort Obolon wurde beschossen (Foto: Andrii Denysenko auf Unsplash)

Das Verbot wurde inzwischen aufgehoben, auch um die Wirtschaft wiederzubeleben. Aber niemand weiß derzeit wirklich, wie viele der Brauereien (ursprünglich etwa 280 laut der Website ratebeer.com) noch betriebsfähig sind oder tatsächlich Bier produzieren. Nach unseren Recherchen kämpfen ausnahmslos alle mit Logistikproblemen und Lieferengpässen.

Es wurde berichtet, dass zu Beginn der Invasion viele Mitarbeiter als Freiwillige in die Armee eintraten. Oder aus dem Land flohen, um ihre Kinder zu schützen. Es gibt das Gerücht, dass eine Brauerei vom Militär beschlagnahmt wurde, um dort Militärausrüstung zu verstecken. Ob das stimmt, ist kaum unabhängig zu überprüfen. Allerdings war bisher noch nicht zu hören, dass Brauereien aufgrund von Kriegsschäden total zerstört wurden.

Ende April waren zwei der drei Carlsberg-Brauereien – eine in Kiew und eine in Lviv/Lemberg im Westen – wieder in Betrieb, wenn auch mit reduzierter Kapazität. Die dritte Brauerei in der südöstlichen Stadt Saporischschja in der Nähe des aktuellen Kampfgebietes liegt still. Alle drei Brauereien von AB InBev Efes in Tschernihiw (nördlich von Kiew), Mykolajiw (im Süden, östlich von Odessa) und Charkiw (Ostukraine) sind geschlossen.

Laut einem Bericht der englischen Zeitung The Financial Times verwandelte Obolon, die größte unabhängige Brauerei der Ukraine und Nummer drei im Land, ihre Kiewer Brauerei während der russischen Belagerung in einen Luftschutzbunker für Mitarbeiter. Arbeiter in ihrer Brauerei in Ochtyrka im Nordosten der Ukraine mussten Brände löschen, als russische Streitkräfte die Stadt bombardierten.

Glasfabrik und PET-Firma zerstört

Nicht nur die Brauwirtschaft leidet unter den Folgen des Krieges. Im März wurde die Hostomel-Glasfabrik von Vetropack in der Nähe von Kiew, die größte des Landes, schwer getroffen und musste den Betrieb einstellen. Der Verlust des Werks hat weitreichende Folgen. Selbst unter deutschen Brauern wächst die Angst vor Engpässen bei der Versorgung mit Flaschen.

Ebenfalls im März, als russische Truppen die Stadt Charkiw in der Ostukraine angriffen, kam die Produktion im größten Werk für PET-Flaschen des Landes komplett zum Erliegen. In der Ukraine werden Getränke hauptsächlich in Plastik- oder PET-Flaschen abgefüllt.

Volodymyr Gomivka von der Opillia-Brauerei im westukrainischen Ternopil schickte daraufhin einen Hilferuf an den Deutschen Brauerbund: Man brauche dringend Rohlinge, um Trinkwasser für die Bevölkerung abfüllen zu können. „In Kriegszeiten ist kaum etwas wichtiger als Wasser.“ Die Brauerei bot sich an als Verteilzentrum für Spenden von Rohlingen und Verschlüssen. Außerdem würden dringend Schutzausrüstungen für die Belegschaften, vor allem Splitterschutzwesten und Helme, benötigt.

Russlands Invasion ist nur der jüngste Schlag für die ukrainischen Brauer, nachdem sie zwei Jahre unter der Covid-Pandemie gelitten hatten. Tatsächlich ist die Bierproduktion in der Ukraine seit 2010 rückläufig, als sie mit 31 Mio hl ihren Höhepunkt erreichte. Seitdem hat sie sich auf 17 Mio hl fast halbiert. Der Bierkonsum pro Kopf ist von 60 Litern auf 40 Liter gesunken und bleibt damit deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern.

Bierproduktion in der Ukraine 2010–2021 (Mio hl) (Quelle: Barth-Bericht und Ukrpivo)

Im Jahr 2020 wurde der ukrainische Biermarkt auf mehr als 2 Mrd USD geschätzt. Carlsberg hatte laut Euromonitor einen Marktanteil von 30 Prozent und AB InBev Efes 25 Prozent. Obolon kam mit einem Anteil von 18 Prozent auf den dritten Platz.

Sowohl Carlsberg als auch AB InBev Efes konkurrieren seit Jahren um die Marktführerschaft. Zusammen kontrollierten sie fast 60 Prozent des Marktes, mit beträchtlichen Verschiebungen in Marktanteilen von einem zum anderen – abhängig von Zahl und Umfang der Rabattaktionen, die man unternahm, um die Marktführerschaft zurückzugewinnen.

Die Rabatte waren riesig, manchmal 30 bis 50 Prozent auf den Preis einer Flasche Bier. Oft sei Bier billiger als Wasser, erklärte der CEO von Carlsberg Ukraine, der Russe Evgeny Shevchenko, in einem Interview (Januar 2021) mit der russischen Website journal.beer.

Zum Teil erklärt sich der starke Produktionsrückgang dadurch, dass die ukrainischen Brauereien nach der russischen Annexion der Halbinsel Krim im März 2014 und dem anschließenden Krieg im Donbass einen großen Teil ihres Marktes verloren haben.

Von Russland unterstützte Separatisten in den östlichen Regionen Donezk und Luhansk, gemeinhin bekannt als Donbass, führen seit April 2014 Krieg gegen die Ukraine mit dem Verlust von bisher mindestens 14 000 Menschenleben. Die Krim hatte vor 2014 eine Bevölkerung von 2,5 Mio Menschen. Im Donbass lebten 6,5 Mio. Die aktuellen Einwohnerzahlen kennt niemand.

Obolon erklärte, man habe eine Brauerei in Sebastopol verloren, als die Krim von Russland annektiert wurde. Das Unternehmen musste fast 40 Mio USD an Vermögenswerten streichen. Alles in allem haben die Annexion der Krim und der Krieg im Donbass die Brauerei Obolon buchstäblich von einem Tag auf den anderen um 40 Prozent ihres Marktes beraubt. Obolon wollte ihre Kapazitätsauslastung vor dem Krieg nicht kommentieren. Sie kann nicht hoch gewesen sein, wenn man bedenkt, dass Carlsbergs Auslastung weniger als 50 Prozent betrug. Carlsberg hatte bereits damit begonnen, die Kapazität zu reduzieren und Anlagen in Saporischschja zu demontieren. Sie wurden nach Indien geschickt. Es war sogar die Rede davon, eine der Brauereien zu schließen. Carlsberg wusste nur nicht, welche.

Wie lange muss man für ein Bier arbeiten?

Weitere Gründe für den Rückgang des Bierkonsums sind die niedrigen Einkommen der ukrainischen Bevölkerung und die leichte Verfügbarkeit von illegalem Wodka.

Touristen in der Ukraine mögen von all den schicken Geschäften und gehobenen Restaurants in Lviv, Kiew und Odessa beeindruckt gewesen sein. Aber die Ukraine ist gemessen am nominalen Pro-Kopf-BIP das ärmste Land Europas. Ohne die riesige Schattenwirtschaft, die 40 bis 60 Prozent des offiziellen BIP betrug, wäre der Lebensstandard noch niedriger gewesen.

„Leider hat die Ukraine ein sehr ineffizientes und nicht wettbewerbsfähiges Wirtschaftsmodell. Es ist ein Ressourcenmodell, multipliziert mit der oligarchischen Struktur der Wirtschaft. Jedes Gerede darüber, die Ukraine zu einer ‚Agrar-Supermacht‘ zu machen, ist das Gerede von Narren“, lautete das vernichtende Urteil von Carlsbergs Regionalchef Shevshenko. Er fuhr fort: „Keine einzige Supermacht konnte sich lange auf der Basis von Rohstoffen halten. Es ist notwendig, auf Humankapital, auf Innovationen und moderne Technologien zu setzen. Bis dahin steht die Ukraine zwischen Weizen und IT, aber Weizen überwiegt bei weitem.“

Es gibt immer Wodka

Im Durchschnitt müsse ein Ukrainer 30 Minuten arbeiten, um eine Flasche Bier zu kaufen – in Deutschland sind es ein paar Minuten, sagte Shevchenko. Der Mindestlohn in der Ukraine beträgt seit dem 1. Januar 2021 umgerechnet etwa 190 EUR pro Monat, was einen deutlichen Hinweis darauf gibt, wie gering das Einkommen der meisten Ukrainer ist. Wenn der Bierpreis steigt – wie es seit einigen Jahren aufgrund von Verbrauchsteuererhöhungen der Fall ist – trinken die Menschen weniger Bier oder sie wechseln zu Schwarzgebranntem.

Mehrere ukrainische Regierungen haben große Inkonsequenz bei der Bekämpfung der Probleme bewiesen. So wurden die Verbrauchsteuern auf Bier erhöht – offiziell, um Alkoholismus zu bekämpfen und die Staatskasse zu füllen. Erreicht wurde damit nur, dass die ausländischen Brauereikonzerne geschröpft wurden, „weil sie immer bezahlen, was der Staat verlangt“, so Shevchenko. Gleichzeitig verschlossen die Regierungen die Augen vor den korrupten Netzwerken bei Wodka. Wie könne es sein, dass illegaler Wodka die Hälfte des legalen Marktes ausmacht, beklagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schon 2019.

Einzelhandelsumsatz mit alkoholischen Getränken in der Ukraine (2020) (Quelle: statista.com)

Darüber hinaus fand selbst beschlagnahmte Schwarzware häufig den Weg zurück in den Markt. Im Internet konnte man eine 1-Liter-Flasche Wodka für umgerechnet 1 EUR kaufen. Laut Berichten wurden allein im 1. Quartal 2021 140 solcher Webseiten verboten.

Die Bierproduktion bricht ein

Der Krieg hat seinen Tribut von der Bierproduktion gefordert. Im ersten Quartal 2022 lag sie um 50 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Im März produzierte Obolon nur 6,5 Prozent der Biermenge des Vorjahres. Selbst wenn die Bierproduktion in diesem Jahr auf einem gewissen Niveau weitergeht, haben die Ukrainer insgesamt möglicherweise zu wenig Geld für ein Bier übrig, da die Wirtschaft gegenüber 2021 laut Prognosen um ein Drittel oder um die Hälfte schrumpfen wird.

Die Kämpfe im Osten und Süden der Ukraine in den nächsten Wochen werden nicht nur den Verlauf des Krieges bestimmen, sondern auch zeigen, wie viel von der Ukraine Russland letztlich kontrollieren will. Nach zwei Monaten Krieg besetzt Russland bereits ein Fünftel des ukrainischen Territoriums, sagte The Economist. Dies wird erhebliche Auswirkungen auf die zukünftigen Braukapazitäten der Ukraine haben.

In einem Szenario könnte Russland versuchen, die gesamte Süd- und Ostukraine zu besetzen. Das würde zwei von Russland unterstützte Regionen direkt mit Russland verbinden: Moldawiens abtrünnige Region Transnistrien, die direkt hinter der Westgrenze der Ukraine liegt und seit 1992 von Russland unterstützt wird, und den Donbass. Ihn will Russland nun offenbar vollständig erobern.

Brauereistandorte von Carlsberg (grün) und AB InBev Efes (rot) in der Ukraine

Dieser Landraub würde in der Tat einen breiten Korridor von Russland zur Krim und nach Südosteuropa schaffen. In diesem düsteren Szenario könnten alle Brauereien in diesem Gebiet, einschließlich mehrerer im Besitz von AB InBev und Carlsberg, unter russische Kontrolle gelangen. Dies bedeutet, dass der Ukraine Millionen von Hektoliter an Braukapazität verloren gehen könnten. Dadurch wäre die ukrainische Brauwirtschaft bei einem Wiederaufbau ernsthaft geschwächt.