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Personen und Positionen

26.07.2022

Giganten der Biergeschichte: Therese Wagner

Die erste „Augustinerin“ | Nach dreizehn männlichen Porträts von Giganten der Biergeschichte ist es nun höchste Zeit für eine „Biergigantin“. Die erste Brauerin, von der ausreichend Fakten für ein Porträt überliefert sind, ist dann auch gleich eine ganz besondere Frau. Eine tatkräftige Brauerin und Geschäftsfrau, deren Handschrift bis heute – mehr als 170 Jahre nach ihrem Tod – noch erkennbar ist. Sie legte das Fundament für eine der beliebtesten und charakteristischsten Brauereien Münchens.

Nicht, dass Frauen früher nie gebraut hätten, ganz im Gegenteil! In alter Zeit war das Brauhandwerk eindeutig weiblich dominiert, von den Klöstern einmal abgesehen. Jedoch im Laufe der Professionalisierung des Handwerks und der Industrialisierung ging das Brauen, dass allmählich mit immer mehr Macht und Geld einherging, zwangsläufig in Männerhände über.

Die Münchner Brauer im 19. Jahrhundert waren also eine Männergesellschaft. Männer bestimmten das Geschehen. Eine Frau als Besitzerin oder Leiterin einer Brauerei wurde, wenn überhaupt, nur interimsmäßig geduldet; also, wenn sie verwitwet war und es einen Sohn gab, der irgendwann übernehmen könnte. Keine guten Voraussetzungen für Therese Wagner, die nach dem Tod ihres Mannes Anton plötzlich eine Brauerei leiten musste.

Stammhaus Augustiner-Brauerei München in der Neuhauser Straße 1829 (Foto: Public domain, via Wikimedia commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Augustiner-Stammhaus.png)

Um die Art und Weise ihres Erfolgs zu verstehen, ist es wichtig, die Anfänge und Herkunft der Wagners zu betrachten. Nur dann kann man einen richtigen Eindruck von der Geschäftstüchtigkeit und der Tatkraft der ersten „Augustinerin“ bekommen.

Kindheit und Jugend als Veitsmüllerstochter

Therese Wagner kam 1797 in Freising zur Welt. Ihre Eltern hießen Franz und Maria Anna Brunner. Da die Eltern als Müller die seit 1412 dokumentierte Veitsmühle an der Moosach betrieben, hießen sie logischerweise die „Veitsmüller“. Die Veitsmühle war eine der größten der neun Getreidemühlen auf Freisinger Gebiet.

Maria Anna stammte aus einer Ismaninger Fischerfamilie. Sie hatte den vorigen Betreiber der Veitsmühle jung geheiratet. Nachdem ihr Mann zu früh gestorben war und sie mit ihrem Sohn Sebastian zurückgelassen hatte, heiratete sie erneut, den Brunner Franz. Maria Anna hatte als verwitwete Müllerin das Mühlenrecht behalten und so konnte das Ehepaar 1787 die Mühle von der Stadt Freising kaufen. Beide Veitsmüller, Maria Anna wie Franz Brunner, erwarben sich in den folgenden Jahren durch harte und ehrliche Arbeit den Respekt der Freisinger. Das war nicht selbstverständlich in Zeiten, in denen der Berufsstand des Müllers nah an den „unehrlichen Berufen“ stand, weil man ihnen grundsätzlich Betrug und Tücke unterstellte. Die Brunners stellten sich jedoch gut mit den Getreidebauern und erzeugten gutes Mehl, so dass sie bald selber in den Getreidehandel einstiegen.

Therese Wagner, 1845 (Foto: Edith-Haberland-Wagner Stiftung)

Thereses Mutter war in jeder Hinsicht ein Vorbild für das junge Mädchen. Ihr Fleiß und ihre Tüchtigkeit, aber ganz besonders ihr kaufmännisches Geschick waren eine hervorragende Schule. Je größer der Sohn Sebastian heranwuchs und in der Mühle mitarbeitete, desto mehr Zeit verbrachte Maria Anna mit dem Getreidehandel. Es war offenbar beeindruckend, wie sie sich in dieser Männerwelt resolut durchsetzen konnte. Sie ging auch juristischen Scharmützeln nicht aus dem Weg, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte. Die junge Therese lernte also von klein auf den kaufmännischen bzw. -fraulichen Alltag: Ein- und Verkauf, Buchführung, Verhandeln und Feilschen. Auch das Renommieren gehörte dazu, wenn die Familie in Freising spazieren ging, im besten Sonntagsstaat. Denn zum Fleiß und dem Erfolg musste sich auch das Selbstbewusstsein gesellen, das lernte Therese ebenso. Sonst wurde man nicht ernst genommen. Unschätzbare Lektionen waren das.

Glamouröse Hochzeit und stattliche Mitgift

Die Zeiten wurden unruhig. Napoleon und seine Kriege warfen ihre Schatten auch auf Freising und sein Umland. Selbst wenn nicht direkt dort gekämpft wurde, Hohenlinden war nicht allzu weit. Dort erlitten die bayerisch-österreichischen Truppen am 3. Dezember 1800 eine verheerende Niederlage gegen die französischen Truppen. In der Folge kam es zu einem Waffenstillstand und französischer Besetzung. Die Veitsmühle lief weiter, aber die Zukunft war ungewiss. Einige Jahre gingen ins Land und es stellte sich so langsam die Frage der Nachfolgeregelung. Vater Franz hätte seine Tochter gerne als nächste Veitsmüller-Generation gesehen, zum Unmut des älteren Sebastian. Bevor die Sache in einen ernsten Konflikt ausartete, half das Schicksal.

Maria Anna musste ins nahe gelegene Attaching fahren, um einer dortigen Mühle ihr Getreide anzubieten. Therese reiste mit. Nach Abschluss kehrten die beiden Frauen im Attachinger Wirtshaus ein, in dem die Veitsmüller Stammgäste waren, nur schon länger ohne Therese. Die sah dort zu ihrer großen Freude hinter der Schanktheke einen Kinderfreund wieder: Anton Wagner, der Sohn des Wirtes. Er war mittlerweile zu einem stattlichen dunkelhaarigen Mann herangewachsen. Die beiden jungen Leute beließen es nicht beim gemeinsamen Erinnern an alte Zeiten, als sie als kleine Kinder gemeinsam durch die Wirtsstube getobt waren. Anton war mittlerweile in einer Lehre als Bierbrauer im Freisinger Hofbräuhaus, von wo Antons Vater auch sein Bier bezog.

Dampfmaschinen waren ab 1852 in der Augustiner Brauerei-Produktion im Einsatz (Quelle: www.augustiner-braeu.de)

Das war offenbar ein Schwiegersohn nach Maria Annas Geschmack. Thereses Pläne gingen mit den Wünschen ihrer Mutter Hand in Hand. Die Hochzeit mit dem jungen, ehrgeizigen Brauer löste gleich mehrere Probleme: Thereses Zukunft und ein gutes Auskommen schienen klar vorgezeichnet und Sebastian konnte ohne Groll die Veitsmühle übernehmen.

Im Februar 1818 fand in der Freisinger Kirche St. Georg die feierliche Hochzeit statt. Sebastian führte für den gesundheitlich verhinderten Brautvater seine Stiefschwester zum Altar. Der gesamte Freisinger Stadt- und Landadel, sprich das aufstrebende Bürgertum der Stadt, nahm an der Feier teil, die im Freisinger Hagenbräu, in der östlichen Altstadt, ihr Ende fand. Dort, im Hagenbräu mit Brauerei, Gastwirtschaft und Herberge, begann das gemeinsame Leben der Jungvermählten, denn der Hagenbräu war ein Geschenk des alten Anton Wagner. Zusammen mit den kolportierten 8000 Gulden Mitgift Thereses konnte man da schon von optimalen Startbedingungen sprechen.

Vom Freisinger Hagenbräu zum Münchner Klosterbräu

Von Anfang an legte Therese Wert darauf, den Hagenbräu – um einiges größer als der Attachinger Gasthof Anton Wagners – gemeinsam und auf Augenhöhe mit ihrem Gatten zu bewirtschaften, jedoch mit klarer Trennung der Bereiche: Anton war für die Brauerei zuständig, Therese für Gastwirtschaft und Herberge. Bange machen galt nicht, auch wenn die Aufgaben sich anfangs zu einem scheinbar unbezwingbaren Berg auftürmten. Aber mit Fleiß und Können schafften die beiden Eheleute den Aufschwung. Bald war der Betrieb, auf dessen Schild an der Tür zu lesen stand: „Brauerei und Gasthof Hagenbräu, Familie Wagner“ (ansonsten war meist nur der Name des Mannes angegeben), mit 700 hl Ausstoß komplett ausgelastet. Auch Gastwirtschaft und Unterkunft erzielten gute Gewinne. Anton kaufte ein Fuhrwerk, um mehr Bier ausliefern zu können.

Einige Quellen sprechen auch vom „Hasüberbräu“ als Wagner-Bräu für ihre Freisinger Zeit, aber der „Hagenbräu“ ist die offizielle Version der Erben (und der Haberland-Stiftung), daher wird sie wohl eher stimmen.

Anfang 1826 übersiedelte die Familie Wagner mitsamt der mittlerweile bereits vier Kinder aufs Land. Der Freiherr von Hallberg-Broich suchte tüchtige Pächter für seinen Landsitz Schloss Birkeneck und fand sie in den Wagners. Den Hagenbräu behielten sie zur Sicherheit noch. Als sich aber bereits nach einem Jahr der Ertrag von Birkeneck verdreifacht hatte – und das geerntete Getreide brachte mehr Gewinn als die Brauerei – verkauften sie ihr Brauhaus (auch dies mit ordentlichem Gewinn) an einen jungen Brauer aus Indersdorf.

Josef Wagner, Sohn von Therese und Anton Wagner, 1858 (Foto: Public domain, via Wikimedia commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Josef_Wagner_1858.png)

Es wurde dennoch irgendwann Zeit für Neues. München war seit einiger Zeit dabei, Freising auch in kirchlichen Dingen den Rang abzulaufen. Der Bischofssitz – und somit auch Macht, Geld und Einfluss – verlagerten sich immer mehr nach dort. Für ein ehrgeiziges Unternehmerpaar eine Entwicklung, die diese mit Sorge beobachteten. Anton Wagner, der regelmäßig nach München fuhr, konnte dies immer wieder bestätigen. Bei diesen Gelegenheiten lernte er Georg Gröber kennen, Besitzer eines Brauhauses in der Münchner Neuhauser Straße. Gröber war kein Brauer und auch kein Wirt und mit dem Besitz nicht so recht glücklich. Im Jahre 1829 nutzte das Ehepaar Wagner daher die Gelegenheit und erwarb Gröbers Brauerei in München, die fast 500 Jahre lang (das angenommene Gründungsjahr ist 1328) Augustiner-Mönchen gehört hatte. Sie war jedoch nach der Säkularisierung zwei Jahrzehnte zuvor verlassen und seither von Gröber eher halbherzig und stümperhaft geführt worden. Dieses Geschäft war eine gute Gelegenheit, sich durch den Umzug in die aufstrebende Hauptstadt weiter zu verbessern. Die Wagners behielten den Namen des Ordens als Firmenname bei und bauten die „Augustiner-Brauerei“ zügig und erfolgreich aus. Auch als aufgrund einer allgemeinen Bierpreiserhöhung von sechs auf sechseinhalb Kreuzer im Jahr 1844 in München die „Bierrevolution“ ausbrach, warf das die Wagners nur unwesentlich zurück. In der Nacht vom 1. zum 2. März zog eine wütende, marodierende Meute durch die Stadt und zerschlug Fenster, Türen und Mobiliar aller Brauereien, die auf ihrem Weg lagen. König Ludwig lenkte ein und nahm bereits am 5. März seinen Erlass zurück. Im Oktober desselben Jahres ging der Bierpreis sogar auf fünf Kreuzer zurück. Alles schien wieder in bester Ordnung. Bis 1845 Anton Wagner plötzlich verstarb und der älteste Sohn Josef noch viel zu jung war, um die Brauerei zu übernehmen.

Aus der Not zur erfolgreichen „Industriewitwe“

Es war ein absoluter Glücksfall, wie sich in dieser Notlage bei Therese Wagner Tatkraft und Können vereinigten. Dreizehn Jahre lang führte die resolute, auch unter den Brauherren-Kollegen sehr angesehene Frau nach dem Tod ihres Gatten die Augustiner-Brauerei allein. Sie hielt nicht nur die Stellung, den Status quo, sondern schaffte es, dass die Brauerei weiter florierte. Sie hatte aber wohl einen guten Blick für Menschen, denn ihr Braumeister Balthasar Fescher stand ihr tüchtig und langjährig zur Seite, zuletzt auch privat. Therese Wagner war nicht nur kaufmännisch versiert, sondern auch technisch interessiert. Sie besaß den Weitblick für eine erfolgreiche Zukunft der Brauerei und investierte in ein neues Sudhaus, in technische Neuerungen wie die Dampfmaschine und modernisierte den Fuhrpark. Unter ihrer Ägide erreichte die Augustiner-Brauerei die Schwelle zur Großbrauerei. Vorausschauend kaufte sie wichtige Immobilien zur Erweiterung der Bierkeller und zur Umsiedlung der kompletten Brauerei. 1857 erwarb sie den Grund an der Landsberger Straße, wo die Brauerei bis heute ihre Adresse hat. Der Umzug erfolgte jedoch erst nach ihrem Tod durch einen Schlaganfall im Jahr 1858, im 62. Lebensjahr.

Dieser Erfolg war alles andere als selbstverständlich, denn Therese Wagner gelang dieses Kunststück in Zeiten härtester Konkurrenz durch ehrgeizige Unternehmer, wie Sedlmayr (Spatenbrauerei), Pschorr, Brey (Löwenbräu) und einige andere, heute teilweise vergessene Brauer. Auch wenn der ganz große Sprung zum Braugiganten erst nach dem Umzug in die Landsberger Straße unter ihrem Sohn Josef Wagner gelang, dessen Initialen J.W. deswegen bis heute im Logo der Augustiner-Brauerei zu finden sind: Der Grundstein dazu wurde in den dreizehn Jahren gelegt, in denen Therese Wagner die Brauerei führte. Mit Sicherheit gäbe es die Augustiner-Brauerei, heute die größte Privatbrauerei Münchens, ohne ihren Einsatz, ihr Können und ihre Weitsicht nicht mehr.

Therese Wagner wurde 2020 im Münchner Stadtteil Freiham eine Straße gewidmet.

Lernen Sie in unserem Dossier: Giganten der Biergeschichte weitere herausragende Persönlichkeiten der Braugeschichte kennen.

Quellen

  1. Marta Haberland: Thereses Töchter, Volk Verlag, München, 2021.
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_Wagner (abgerufen am 30.5.2022).
  3. https://www.wochenanzeiger-muenchen.de/aubing-freiham/powerfrau-als-namensgeberin,123688.html (abgerufen am 30.5.2022).
  4. Christian Schäder: Münchner Brauindustrie 1871–1945, Tectum Verlag, Marburg, 1999.
  5. Astrid Assél, Christian Huber: München und das Bier, Volk Verlag, München, 2009.