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Sudhaus

Soldaten im Ersten  Weltkrieg posieren mit einer Maß Bier für ein (Foto Quelle: CC-BY-SA 3.0, http://www.europeana1914-1918.eu/en/contributions/1269)
23.04.2021

160 Jahre Fachverlag Hans Carl – 160 Jahre Bierge­schichte, Teil 2: 1914 bis 1945

Zwischen Überschwang und Überleben | Der zweite Teil der Jubiläums-Artikelserie von Günther Thömmes zur Bierge­schichte seit 1861 widmet sich der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Der Erste Weltkrieg brachte alle hochfliegenden Brauerträume schnell auf den Boden zurück. Es fehlten ja nicht nur plötzlich die Biertrinker, weil hunderttausende Männer in den Krieg gezogen waren. Genauso brachen Märkte und klassische Anbaugebiete für Hopfen und Gerste weg, denn aus Kunden und Lieferanten waren plötzlich Gegner im Krieg geworden. Grenzen verschoben sich. Oder es war einfach nicht mehr genug für alle da, so dass sich auch Verbündete untereinander nur bedingt unterstützen konnten.

In kürzester Zeit musste die deutsche Wirtschaft, die vorher international gut verflochten war, auf Selbstversorgung umstellen. Es ist offensichtlich, dass dies enorm schwierig war. Der in den letzten Jahrzehnten erworbene Wohlstand löste sich in Luft auf.

Die katastrophalen Auswirkungen dieses Gemetzels wurden für die Brauer in wirtschaftlicher Hinsicht durch einige Faktoren zumindest abgemildert: Zum einen erwiesen sich die Organisationen der Brauer, allen voran der Deutsche Brauer-Bund, als durchaus geeignet, die nun erlassenen Notverordnungen auch logistisch und organisatorisch umzusetzen. Zum anderen fand auch eine weitgehende Solidarität der Brauereien untereinander statt – auch hier gilt die Regel mit der Ausnahme.

Und auch wenn der Brauerberuf noch immer ein harter, schweißtreibender Beruf war, mit heißem und kaltem Arbeitsumfeld, schweren Lasten und bisweilen ungesunder, CO2- oder Ammoniak-‚aromatisierter‘ Umgebungsluft, so wurden doch erstaunlich schnell viele junge Männer, die zum Fronteinsatz abkommandiert worden waren, durch Frauen ersetzt. Welche in der Folge rasch bewiesen, dass Brauen beileibe nicht ausschließlich Männersache sein musste.

Einschränkungen und Schließungen trotz solidarischen Handels

Im Februar 1915 wurde erstmals die Bierproduktion eingeschränkt, und zwar auf 60 Prozent der Vorkriegsproduktion – aus Mangel an Braugerste. Hierbei sorgte der Deutsche Brauer-Bund für den erforderlichen Malzausgleich zwischen gut und schlecht versorgten Brauereien.

Die Tendenz, dass immer mehr, auch große Brauer die eigene Mälzerei mittlerweile aufgegeben hatten, kam dieser schwierigen Aufgabe durchaus entgegen. Denn es hatten sich in der Zeit vor dem Krieg vier Malze (Münchner, Wiener, Pilsner und Karamell) als Hauptsorten herauskristallisiert, die sich nun problemlos unter den Brauereien austauschen ließen.

Priorität bei der Bierversorgung hatte eindeutig die Belieferung des Heeres. Dies erfüllten die Brauer unter den widrigen Bedingungen dennoch so gut, dass am 12. November 1918, nur kurz nach Kriegsende, vom III. Armeekorps an den Deutschen Brauer-Bund ein „wärmster Dank für seine umfangreiche und verdienstvolle Mitwirkung bei der Bierversorgung des Feldheeres“ einging.

Eine Etikettiermaschine aus den 1920er-Jahren (Quelle: Archiv Fachverlag Hans Carl)

Die Quote sank in der Folge, je länger der Krieg andauerte, von 60 auf 48, dann sogar auf 25 Prozent. Zum Kriegsende hin kündigte Bayern dann die Solidarität auf, indem die bayerischen Brauer wenigstens noch 15 Prozent Gerstenzuteilungen erhielten, alle anderen dagegen nicht einmal die zugesagten zehn Prozent.

Dieses Elend hielt sich noch über das Kriegsende hinaus, und erst 1920/21 wurden wieder, bei einer Quote von 30 Prozent, Biere mit höheren Stammwürzegehalten gebraut. Für viele Brauereien kam diese Verordnung aber zu spät, sie blieben für immer geschlossen.

Ab Sommer 1921 wurde den Brauern wieder ein weitgehend unreguliertes Wirtschaften gestattet. Die Zahlen waren ernüchternd: Von 12 000 gewerblichen Brauereien vor dem Krieg stellte bereits in der ersten Kriegshälfte rund ein Drittel die Produktion ein. Im Mai 1917 war nicht einmal die Hälfte noch in Betrieb, und bei Kriegsende waren nur noch 1700 Betriebe übrig. Diese Verluste beinhalteten zwar auch die verlorenen Gebiete in Elsass-Lothringen und Westpreußen, aber der Hauptteil lag im ‚alten Deutschland‘.

Die Weimarer Republik

Die Anzahl ging dann bis 1925 wieder hoch auf etwa 4600 Brauereien, aber die Werte von vor 1914 wurden nie wieder erreicht. Dazu trug auch eine wachsende Konzentration von Brauereien bei. Ab 1921 kann man dann wieder von einem Aufwärtstrend sprechen, wenngleich es bis 1929 dauerte, bis der Pro-Kopf-Verbrauch wieder die Marke von 1914 (89 Liter/Jahr) erreichte.

Mit der Weimarer Republik begann im August 1919 eine neue Zeitrechnung. Der demoralisierende Zustand musste ein Ende haben. Eine fortschrittliche Tarif- und Sozialpolitik sollte die Kriegsheimkehrer wieder ins Arbeitsleben eingliedern. Trotz der enormen Verluste an den Fronten gab es mehr Arbeitsuchende als Arbeit. Der neue Achtstundentag und eine Erwerbslosenunterstützung sorgten hier für den nötigen Ausgleich. Die Braubranche blieb, im Gegensatz zu vielen andern Branchen, in dieser wichtigen Aufbauzeit von Arbeitskämpfen weitgehend verschont.

Das verheerende Beispiel der Prohibition in den USA, mit der Ausweitung der mafiösen Kriminalität und dem wirtschaftlichen Untergang vieler Brauereien, verhinderte zumindest in Deutschland in dieser Hinsicht Schlimmeres. Man hatte andere Probleme zu bekämpfen als den Alkoholmissbrauch, z. B. die Hyperinflation.

Prof. Carl J. Lintner im Jahr 1925 (Quelle: Archiv Fachverlag Hans Carl)

Deutschland übernahm in diesen Jahren sogar wieder kurzzeitig die Führung in der Weltbierproduktion, die aber 1933 – nach Aufhebung der Prohibition – wieder an die USA zurückfiel. Die Amerikaner erlangten den weltweiten Spitzenplatz mit erheblich weniger Brauereien als vor der Prohibition zurück. Die Weltwirtschaftskrise war der nächste Tiefschlag. Kaum hatte man wieder von einer kleinen Blütezeit sprechen können, waren die Kursstürze an der Wall Street im Herbst 1929 bis in die Sudhäuser und Gärkeller Deutschlands spürbar. Die Arbeitslosigkeit stieg auf über vier Millionen, bis zur Machtergreifung der Nazis sogar auf fast sieben Millionen. Der Bierausstoß sank von wieder soliden 57 auf 33 Millionen Hektoliter.

Bierpreise und Löhne standen in dieser Zeit immer unter Druck, die einen mussten fallen, die anderen steigen. Bei den Bierpreisen griff der Staat regulierend ein, so dass beispielsweise die bayerischen Konsumenten zwei Pfennige auf die Halbe, vier Pfennige auf die Maß und drei auf eine Flasche Bier einsparten.

Sorgenkind Hopfen­anbau

Als größtes Sorgenkind entpuppte sich in der Nachkriegszeit der Hopfenanbau. Durch den Krieg war die traditionelle Anbaufläche bereits drastisch reduziert worden. Kaum befanden sich die Hopfenbauern wieder auf Wachstumskurs, lauerte ums Eck bereits die nächste Katastrophe: Peronospora.

Der ‚Falsche Mehltau‘ war bislang bei Weinreben als schädlicher Befall aufgetreten, in den zwanziger Jahren drohte mit einem Mal der gesamten deutschen Hopfenernte, nicht nur in der Hallertau, die Vernichtung.

Die Brauerverbände mobilisierten angesichts des drohenden Untergangs einer ganzen Branche alle verfügbaren Mittel, die dann vorausschauend z. B. in das neue Hopfenversuchsgut Hüll investiert wurden. So wurde die Peronospora mit wissenschaftlichen Mitteln besiegt und langfristig sprang, durch die Steigerung von Qualität und Ansehen des deutschen Hopfens in der Welt, ein noch sehr viel höherer Gewinn heraus.

Forschung und Lehre

Der Forschungsstandort Weihenstephan war noch 1895 zur ‚Königlichen Bayerischen Akademie für Landwirtschaft und Brauereien‘ ernannt worden, und ebenfalls noch vor dem Krieg war die Weihenstephaner Versuchsbrauerei integriert worden.

Ende der zwanziger Jahre wurde die Weihenstephaner Akademie in die Technische Hochschule München (die spätere TUM) eingegliedert. Aber erst ab 1937 konnte sich die Stadt Freising einer Universität rühmen, denn dann wurde der Vöttinger Ortsteil Weihenstephan in Freising eingemeindet.

Zu diesem Zeitpunkt war der Standort bereits eine Pilgerstätte für Brauer aus aller Welt. Das Gleiche galt für das preußische Alter Ego in Berlin, das in dieser Zeit den Sprung vom handwerklichen zum universitären Ausbildungsbetrieb machte. Beide Standorte gaben ihre Erfolge in Laborarbeit und Analytik an die Brauer weiter, so dass ein Labor für Mikrobiologie und Rohstoffanalyse in dieser Zeit für alle Brauer zweckmäßig wurde.

In den 1930er-Jahren erschienen die Erstausgaben vieler Standardwerke der brauwissenschaftlichen Fachliteratur (Quelle: Archiv Fachverlag Hans Carl)

Erste große Persönlichkeiten im universitären Bereich waren ohne Zweifel Professor (und Hofrat) Carl J. Lintner, Sohn des gleichnamigen Mitbegründers der ersten Station in Weihenstephan, der Zeit seines Lebens zwischen Weihenstephan und Berlin pendelte, sowie die Professoren Heinrich Lüers, Hans Leberle (Weihenstephan), Max Delbrück und Paul Lindner (Berlin).

Nicht nur diese Genannten publizierten viel, sondern es war generell eine Zeit, in der zahlreiche Autoren das so rasch gewachsene Wissen der Brauereitechnik in Bücher packten. Die Geburtsstunde einiger der jahrzehntelang erfolgreichen Fachbücher wie „Abriss der Bierbrauerei“, „Die Brauerei im Bild“ oder der „Katechismus der Brauerei-Praxis“ liegt in dieser Zeit zwischen den Kriegen.

Fortschritte in der Brautechnik

Die Brautechnik machte weiterhin rasante Fortschritte, nicht nur bei den Werkstoffen. Schon wenige Jahre nach dem Tod Louis Pasteurs hatte sich beispielsweise die Pasteurisierung beim Bier schon als Standard etabliert. Verschiedene Anbieter offerierten Maschinen zur Wärmebehandlung von Flaschen oder Fässern, natürlich nur eisernen. Auch über Nebeneffekte wie den ‚Pasteurgeschmack‘ gab es bereits in der Fachliteratur nachzulesen.

Abbildung eines Maischefilters von Weigelwerk in einem Fachbuch von 1940 (Quelle: Archiv Fachverlag Hans Carl)

Beim Brauwasser konnten die Brauer bereits zwischen Entkarbonisieren und Elektro-Osmose wählen. Säuern mit Milchsäure oder der Gebrauch von Sauermalz (‚Proteolytmalz‘) war bereits als Maßnahme bekannt, aber nicht gestattet. Hefereinzucht und Massefilter gehörten Ende der dreißiger Jahre genauso zum allgemeinen technischen Standard wie Flaschenwaschmaschinen mit Vorweiche und Heißlaugebad. Als Verschluss für die Flaschen zeichnete sich bereits der Kronkorken als Sieger gegen Bügelverschluss und Korken ab.

In den Abgrund

Mit der Machtergreifung der Nazis änderte sich sehr schnell so ziemlich alles. Zuerst verspürten die Brauer Aufwind, wie alle anderen Branchen, denn die unverkennbare Aufrüstung Deutschlands (in all ihren Facetten) holte die Arbeitslosen von der Straße und sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung. Der Bierkonsum stieg.

Sukzessive zog der Staat im Dritten Reich jedoch die Generalaufsicht über die gesamte Bierproduktion an sich. Der sogenannte ‚Reichsnährstand‘ enthielt die Wirtschaftsverbände für Brauereien und Hopfenbauern, Bier- und Hopfenhändler sowie für Getreide- und Futtermittel. Zudem gab es Wirtschaftsgruppen für Brauereien und Mälzereien sowie die Reichsinnungen für das Brauer- und Mälzerhandwerk.

Auch die Gastronomen mussten sich ihrer Wirtschaftsgruppe anschließen – ohne Ausnahme. Der komplette Vertrieb des Biers, einschließlich der Versorgung mit Fässern, Flaschen und Gläsern, stand unter Staatsaufsicht. Alle Preise und Löhne wurden staatlich festgelegt. Alle früheren Verbände und freiwilligen Zusammenschlüsse wurden aufgelöst, nicht nur die Gewerkschaften. Totale Kontrolle ‚vom Halm zum Glas‘.

Ein Hefewaschautomat von Ziemann in einem Fachbuch von 1940 (Quelle: Archiv Fachverlag Hans Carl)

Nachdem der Krieg begonnen hatte, gingen bald – wie bereits 25 Jahre zuvor – die Stammwürzegehalte in den Keller. Obwohl tatsächlich noch bis wenige Stunden vor Beginn des Russlandfeldzugs im Juni 1941 Gerste aus der Sowjetunion geliefert wurde. Von zuerst zehn Prozent ging es auf acht Prozent, dann auf drei bis sechs Prozent. Im März 1945 hatte das Dünnbier nur noch 1,7 bis 2,4 Prozent Stammwürze.

Als es dem Ende entgegenging, sollten die Brauereien noch all ihr Kupfer demontieren. Eine Schnapsidee, deren Umsetzung zum Glück verhindert wurde. Der totale Zusammenbruch im Mai 1945 war auch ein Zusammenbruch der Deutschen Brauwirtschaft. Von hier an konnte es nur noch aufwärts gehen.

Biersteuer und Reinheitsgebot

Das Reinheitsgebot blieb in dieser Zeit eine Fußnote, nicht nur aufgrund der angespannten Rohstoffsituation. Die Brauer hatten andere Sorgen. Dennoch wurde am 4. März 1918 im Sitzungsprotokoll des bayerischen Landtags erstmals das Wort ‚Reinheitsgebot‘ notiert. Der Abgeordnete Hans Rauch ging mit dem Satz „Wir halten fest am Reinheitsgebote, weil wir der Tradition treu bleiben“, ausgesprochen in seiner Funktion als Leiter der Buchstelle bei der Akademie für Landwirtschaft und Brauerei Weihenstephan, unwissentlich in die Biergeschichte ein. Bis dahin war der Begriff ‚Surrogatverbot‘ üblich gewesen.

Als Kuriosität bleibt zu notieren, dass im Dritten Reich dem Bayerischen Brauerbund als einzigem Brauerverband das Weiterbestehen erlaubt wurde, mit einem einzigen Satzungspunkt: „Erhaltung des Reinheitsgebotes“!

Lesen Sie alle Teile der Jubiläums-Serie „160 Jahre Fachverlag Hans Carl – 160 Jahre Biergeschichte“:
Teil 1: 1861 bis 1914 – Die Belle Époque der Brauer, Seite 14 – 19.
Teil 2: 1914 bis 1945 – Zwischen Überschwang und Überleben, Seite 30 – 34.
Teil 3: 1945 bis 1989 – Vom Wirtschaftswunder zur Wiedervereinigung, Seite 42 – 46.
Teil 4: 1989 bis 2021 – Offene Grenzen, offene Märkte und dann Corona, Seite 60 – 64.