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Sudhaus

Die  Automatisierung hält Einzug in die mittelständischen Sudhäuser – z. B. in Form des Braumat von Siemens (Foto: Siemens)
23.04.2021

160 Jahre Fachverlag Hans Carl – 160 Jahre Bierge­schichte, Teil 4: 1989 bis 2021

Offene Grenzen, offene Märkte und dann Corona | Im letzten Teil unserer Artikelserie zur Biergeschichte seit 1861 geht es um die Jahrzehnte seit der Auflösung der Sowjetunion und der deutschen Wiedervereinigung.

Der Fall des Eisernen Vorhangs und die daraus folgende Wiedervereinigung kamen für die Brauereibranche genauso überraschend wie für die Politiker. Auf allen Gebieten, die davon betroffen waren, spielte sich in den nächsten Jahren das gleiche Wechselbad der Gefühle ab, von himmelhoch jauchzender Euphorie bis zur heftigsten Desillusionierung.

Die hoffnungsvolle Stimmung des Jahres 1990 umfasste nicht nur die westdeutschen Brauereien, die neue Märkte und lukrative Übernahmemöglichkeiten witterten, sondern ganz besonders die Zulieferbranche, da der marode Zustand der Brauereien östlich des Eisernen Vorhangs auch vorher schon kein Geheimnis war. Die wahren, oftmals desaströsen Verhältnisse waren jedoch im Unklaren geblieben. Goldgräberstimmung kam auf. Alle Technik, die im Westen nicht mehr verwertbar war, wurde in den Osten verkauft. Irgendjemand würde es schon brauchen können. Viele Brauereien dort zahlten teures Lehrgeld.

Der Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs beschleunigte die Globalisierung in der Brauwirtschaft (Foto: Mar Cerdeira, Unsplash)

Die frühen neunziger Jahre waren eine Periode der Widersprüche. Bereits 1987 hatte der Europäische Gerichtshof den deutschen Biermarkt für ausländische Biere abseits des Reinheitsgebotes geöffnet, wenn auch mit wenig Eindruck auf die deutschen Biertrinker. Mit der Wiedervereinigung traten die Brauer der DDR, die bislang u. a. auch Gerstenrohfrucht, Reisgrieß, Maisgrieß, Zucker oder Stärkecouleur verwendet hatten, dem Reinheitsgebot bei. Dies führte zu dem kuriosen „Brandenburger Bierkrieg“ von 1993 bis 2005, bei dem die Klosterbrauerei Neuzelle schließlich in letzter Instanz gewann und ihren „Schwarzen Abt“ trotz Zuckeranteil weiterhin als Schwarzbier vertreiben durfte.

Ruinöser Preiskampf, sinkender Pro-Kopf-Verbrauch und Biermix

Der seit 1980 (Rekord von 145,9 Litern) permanent sinkende Pro-Kopf-Verbrauch in Richtung 100 Liter (2020 bei nur noch 95 Liter) alarmierte die deutschen Brauer. Sogar der dritte Platz hinter den uneinholbar vorne liegenden Tschechen und hinter Österreich drohte verloren zu gehen.

Der sinkende Konsum ließ sich auch mit fallenden Bierpreisen nicht wirksam bekämpfen. Der ruinöse Preiskampf einiger Großbrauereien brachte hingegen (und bringt bis heute) viele Mittelständler ernsthaft in die Bredouille.

Als Lösung boten sich Biermischgetränke an, die durch eine Änderung des Biersteuergesetzes ab 1993 fertig gemischt angeboten werden durften. Jenseits der Klassiker Radler, Alsterwasser, Russenmaß oder Berliner Weiße mit Schuss fanden nun Kreationen mit Himbeere, Banane, Holunder, Kirsch, Grapefruit oder Cola den Weg zu den Verbrauchern. Einerseits gab es also ein Beharren der deutschen Brauer, allen voran der Brauerverbände, auf der Kraft des Reinheitsgebotes, auf der anderen Seite stand die Einführung der Biermischgetränke. Dieser Widerspruch ist nicht schlüssig aufzulösen. Entgegen kam den Brauern bei den Biermischgetränken 2004 die Einführung der so genannten „Alkopop-Steuer“, mit der die missliebige Konkurrenz um den gleichen Kundenkreis legal ausgeschaltet wurde. Ab 2010 drückte sich mit der Fassbrause ein alkoholfreies Bier-Erfrischungsgetränk in den Markt, das immerhin den Anspruch hatte, „gebraut“ zu sein. Inzwischen hat mit Hard Seltzer die nächste konsequente Weiterentwicklung eines aromatisierten Erfrischungsgetränks aus Brauereien zumindest bereits einen Fuß in der Türe.

Die BRAUWELT wird international: Cover der chinesischen BRAUWELT aus dem Jahr 1998

Der 500. Geburtstag des Reinheitsgebotes wurde 2016 indes sehr zünftig und bodenständig in der Brauerei Kloster Aldersbach gefeiert. Begleitet wurden die Feierlichkeiten 2016 von der Bayerischen Landesausstellung „Bier in Bayern“. Dazu gab es die Wanderausstellung „Die Wächter des Reinheitsgebotes“, organisiert vom Bayerischen Brauerbund, und ein Jubiläums-Fest am Tag des Bieres in Ingolstadt.

Im Rausch der Globalisierung

Es war zeitweise schwierig, die Übersicht zu behalten, bei dem Tempo, mit dem InBev, Heineken, SAB, Miller, Carlsberg, Anheuser Busch et al. die Globalisierung der Brauereiwelt vorantrieben. Wer war der Größte? Wer gehörte zu wem? Wer fusionierte mit wem? Deutsche Brauereien spielten auf jeden Fall nur eine Nebenrolle. Nur Statisten, keine Hauptdarsteller. Große Brauereien und starke Marken wie Beck‘s, Diebels, König, Hacker-Pschorr oder Paulaner wurden zu Spielsteinen der Globalisierung. Andere wehrten sich mit Erfolg gegen Übernahmen.

Im Bereich Werbung sahen wir Kampagnen und Werbepartner, die man sich vorher für Bier nicht vorstellen konnte. Zu den prominentesten Vertretern gehörten die Formel 1 mit Michael Schumacher und die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Internationale Aktivitäten entfalteten Bier-relevante Dienstleister: Die Nürnberger Fachmesse Brau benannte sich Mitte der neunziger Jahre in BrauBeviale um, um anderen Getränken außer Bier eine Heimat zu bieten.

2004 wurde mit dem European Beer Star zum ersten Mal eine internationale Bierprämierung angehängt, die mittlerweile fester Bestandteil der Messe ist und von den Privaten Brauereien Bayern organisiert wird.

2015 fand die erste BrauBeviale in Moskau statt, 2017 folgten China und Italien, 2018 Indien. Im gleichen Jahr fand in Nürnberg eine Rekord-BrauBeviale statt, mit über 40 000 Fachbesuchern aus über 130 Ländern und Ausstellern aus 47 Nationen. Der 2020er Messe-Einstand in Mexiko wurde corona-bedingt verschoben.

Das Jahr 2016 stand ganz im Zeichen des Reinheitsgebots-Jubiläums: Plakat zur Bayerischen Landesausstellung „Bier in Bayern“

Auch die Macher der Fachzeitung, um deren Jubiläum es hier geht, blieben international nicht untätig: Im Fachverlag Hans Carl als Herausgeber der BRAUWELT erscheinen nicht nur die englischsprachige BRAUWELT International (seit 1983), sondern auch entsprechende Fachausgaben in Russisch (1995), Spanisch (1996) und Chinesisch (1997).

Private Akademien wie die Doemens-Schule erweiterten ebenso konsequent ihr Angebot um internationale, nicht- deutschsprachige Braumeister-Lehrgänge.

Aus Forschung und Lehre

In Weihenstephan übergab Prof. Ludwig Narziß 1992 den Staffelstab an Werner Back, der diese Kontinuität erfolgreich bis 2009 weiterführte. Mit Thomas Becker übernahm danach erstmals ein Lebensmitteltechnologe den renommierten Lehrstuhl „Technologie der Brauerei I“. Prof. Becker initiierte große Umstrukturierungen, die bis heute andauern.

Neben vielen anderen Ehrungen erhielt Prof. Narziß 2007 das Bundesverdienstkreuz am Bande, und seit 2015 wird alljährlich der Ludwig-Narziß-Preis des wissenschaftlichen Journals BrewingScience verliehen, das ebenfalls vom Fachverlag Hans Carl herausgegeben wird.

Auf dem Lehrstuhl „Technologie der Brauerei II“ sorgten Siegfried Donhauser (seit 1980) und sein Nachfolger Eberhard Geiger (bis 2009) für den guten Ruf Weihenstephans. Der als unermüdlicher Kämpfer für das Reinheitsgebot bekannte Prof. Donhauser erhielt 1994 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. 1995 wurde die Brautechnische Prüf- und Versuchsanstalt vom Lehrstuhl Technologie II abgetrennt. Prof. Heinz Miedaner übernahm die Leitung der Brautechnischen Prüf- und Versuchsanstalt.

Die Automatisierung hält Einzug in die mittelständischen Sudhäuser – z. B. in Form des Braumat von Siemens (Foto: Siemens)

In Berlin traten die Professoren Gerolf Annemüller, Frank-Jürgen Methner und Ulf Stahl in die Fußstapfen Prof. Wackerbauers, der 1999 emeritierte. Prof.Methner betreute im Ruhestand noch einige Zeit die MEBAK als Vorsitzender, bevor ihn Dr. Martin Zarnkow, TUM Weihenstephan, im Oktober 2020 ablöste. In Berlin befinden sich mit der Schultze-Berndt-Bibliothek und der Axel-Simon-Bibliothek inzwischen zwei der größten Bibliotheken rund ums Bier.

Technische  Weiterentwicklung und Berufsbild

Der technische Fortschritt hing nicht nur an der Digitalisierung und dem Internet, auch wenn sich dadurch neue Wege für Vertrieb und Logistik öffneten, von denen wenige Jahre zuvor nicht einmal geträumt werden konnte.

Die Brautechnik wurde endgültig verwissenschaftlicht. Analysen bis zum ppb sind mittlerweile an der Tagesordnung. Leistungsbereiche vom Sudhaus bis zur Abfüllung und Etikettierung werden bis auf die dritte Stelle hinter dem Komma ausgereizt. Neue Kältemittel und verbesserte Energie-Rückgewinnungssysteme trimmen Brauereien vom Energie-Vernichter auf klimafreundlich bis -neutral.

Die klassische Brau-Verfahrenstechnik ist nach Meinung vieler Experten weitgehend ausgereizt. Auch die Materialien sind perfektioniert. Es wird immer schwerer, Optimierungsbedarf zu finden. Außer in der IT, wo der Fortschritt unaufhaltsam zu sein scheint. Die Einführung von Hochleistungsrechnern und künstlicher Intelligenz verwandelt Brauereien in Hightech-Betriebe – Rechner ersetzen Brauer. Das Berufsbild des Brauers und Mälzers, resp. des Braumeisters, hat sich in den letzten 30 Jahren radikal gewandelt. Was anfangs nur in Großbrauereien gefragt war, gilt mittlerweile auch in kleineren Betrieben: vom Handwerker zum Allround-Experten, der auch IT-kompatibel sein muss. Dennoch ist der Beruf insgesamt in seiner Zukunft nicht gefährdet. Das bestätigen auch die neuen, vielfältigen Ausbildungswege, akademisch wie handwerklich: Überleben durch Anpassung.

Craft Bier-Vorreiter USA

Was in den USA seit den späten siebziger Jahren geschah, bekamen die meisten Biertrinker in Deutschland genau so wenig mit wie die Brauer. Dabei war es eine Revolution. Aus der Homebrew (Hobbybrauer)-Bewegung um Charlie Papazian entstand eine neuartige Brauerbewegung, die einige Jahre später richtig Fahrt aufnahm: Das Craft Bier war geboren. Daraus erwuchsen Brauereien wie Jim Kochs Boston Beer Company oder Ken Grossmans Sierra Nevada Brewery, deren Flaggschiffe Samuel Adams oder Sierra Nevada Pale Ale heute den Standard amerikanischer Biere definieren.

Verleihung des Ludwig-Narziß-Preises auf der BrauBeviale 2019 (Foto: NürnbergMesse/Frank Boxler)

Nicht vergessen sollte man in diesem Zusammenhang auch Fritz Maytag, der die alte Anchor Steam Brewery in San Francisco vor dem Ruin rettete und deren Anchor Steam Beer als Pionier des Craft Biers moderner Prägung gilt.

Der Craft Bier-Boom in Zahlen: Von 80 aktiven US-Brauereien 1983 ging es hoch bis auf 8275 Brauereien im Jahr 2019! Einige von ihnen produzieren bereits im Millionen-Hektoliter-Bereich.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieser Trend, wie die meisten aus den USA, auf andere Länder überschwappen würde. Auch wenn die Voraussetzungen für klassische Bierländer wie Deutschland, Tschechien, Österreich oder Belgien gänzlich anders waren.

Grundsätzlich kann man feststellen, dass Craft Bier sich dort umso besser entwickelte, wo der Markt vorher von nur wenigen Brauereien beherrscht war. Craft Bier als Mittel zur Vielfalt. Da man Craft mit Handwerk übersetzt, war es natürlich schwierig, den zahlreichen, klassisch handwerklich arbeitenden deutschen Brauereien einen modernen Kontrapunkt entgegen zu setzen.

In Deutschland hat sich daher ein dezidierter Craft Bier-Markt, trotz zahlreicher, hochqualifizierter Protagonisten und Aktivitäten auf der BrauBeviale und anderen Messen, in der Masse noch nicht durchgesetzt. Lob gebührt aber all den Brauern, die alte Bierstile neu erwecken, traditionelle Braumethoden wiederentdecken und dem deutschen Pendant für Craft Bier – Kreativbier – alle Ehre machen. Nicht jedes Craft Bier ist leichte Kost, nicht alles ist trinkbar. Nicht jeder mag Sauerbier, ein IPA mit 80 Bittereinheiten oder Bier mit Kaffee oder Schokolade. Aber Kreativität kennt keine Grenzen, und gute Biere finden ihren Weg zum Genießer.

Neue Hopfensorten, andere Aromen, ungeahnte Vielfalt

Die Frage, was zuerst da war, das Craft Bier oder die Flavour-Hopfen, ist ähnlich wie die vom Huhn und dem Ei. Beide bedingen einander, beide brauchen einander und beide profitieren voneinander.

Die Hopfenbauern und -forschenden haben den Bierbrauern und -trinkern in den letzten Jahren eine wunderbare Fülle neuer Aromen präsentiert, vom zitrusartigen Cascade, der Mango des Amarillo oder der Melone des gleichnamigen Hüller Hopfens – zu viele, um sie alle zu erwähnen.

Craft Bier steht für Vielfalt im Bierregal (Foto: Christin Hume, Unsplash)

Die Craft Brauer haben aus diesem Geschenk der neuen Hopfenaromen auf jeden Fall das Beste gemacht. Alte und neue Bierstile kombiniert (IPA mit NEIPA!), klassische Biere wie Pils oder Helles mit Flavour-Hopfen „gepimpt“, dass es eine wahre Freude war. Hier ist noch viel zu erwarten für die Zukunft.

Neben den Hopfen fanden zuletzt auch Gewürze, Früchte und Kräuter wieder zurück ins Bier. Nicht nur Koriander oder Pfeffer dürfen seit 2005 mit besonderer Genehmigung für „besondere Biere“, die jedoch obergärig sein müssen, wieder mit verbraut werden. Zumindest außerhalb von Bayern. Als Interessenvertretung für „besondere Biere“ fungiert seit 2017 der Deutsche Kreativbrauer e.V., dem viele der führenden Craft Brauer Deutschlands angehören.

Wie geht es weiter?

Corona hat uns allen seit Anfang 2020 schwer zugesetzt. Den Biertrinkern, die ihr Lieblingsbier vom Fass vermissen, genauso wie den Brauereien, die ebendieses Lieblingsbier nicht mehr an die Gastronomie verkaufen können (zum Zeitpunkt, da dieser Text geschrieben wird). Nicht nur das Oktoberfest 2020 ist ausgefallen, sondern auch alle weiteren Geselligkeiten rund ums Bier.

Wir hoffen auf bessere Zeiten. Bier ist immer noch das weltweit beliebteste alkoholische Getränk und wird es auch bleiben. Allen Trends und Widersprüchlichkeiten zum Trotz. Ein Getränk mit einer derartig großen Geschichte hat auch eine großartige Zukunft vor sich.

An dieser Stelle beenden wir unseren Rückblick auf 160 Jahre Fachverlag Hans Carl – 160 Jahre Biergeschichte. Natürlich war es unmöglich, in diesem Rahmen alle Facetten dieser bunten Branche zu berücksichtigen, auf alle Ereignisse einzugehen, alle Personen und Verdienste zu würdigen. Die Leser mögen es mir nachsehen.

Panta rhei, alles fließt, sagte schon Heraklit. Alles ist in Bewegung und wird es auch bleiben. Beim Bier wie auch anderswo. Wer sich nicht bewegt, bleibt stehen und verliert irgendwann den Anschluss. Herzlichen Glückwunsch, liebe BRAUWELT! Auf die nächsten 160 Jahre!

Lesen Sie alle Teile der Jubiläums-Serie „160 Jahre Fachverlag Hans Carl – 160 Jahre Biergeschichte“:
Teil 1: 1861 bis 1914 – Die Belle Époque der Brauer, Seite 14 – 19.
Teil 2: 1914 bis 1945 – Zwischen Überschwang und Überleben, Seite 30 – 34.
Teil 3: 1945 bis 1989 – Vom Wirtschaftswunder zur Wiedervereinigung, Seite 42 – 46.
Teil 4: 1989 bis 2021 – Offene Grenzen, offene Märkte und dann Corona, Seite 60 – 64.