Giganten der Biergeschichte: Johannes Ewald Siebel
Gründervater der US-Brauerausbildung | Im November 2025 platzte eine Nachricht in die internationale Brauerfamilie, die wie eine Bombe einschlug. Kurzgefasst besagte sie: „Die älteste Brauerschule Amerikas übersiedelt von den USA nach Kanada!“ Als Argumente wurden u.a. wirtschaftliche Gründe und bessere Örtlichkeiten erwähnt, aber auch die erschwerten Visa-Konditionen für die Brauerstudenten, die aus aller Welt in die USA kommen wollen, um beim Siebel-Institut die Grundlagen ihres Berufes zu erlernen oder zu vertiefen.
Wir wollen uns mit dem Gründer und der Geschichte dieser Institution befassen. Womit wir doch in Deutschland beginnen müssen – in der preußischen Rheinprovinz im Jahr 1845.
Johannes Ewald Siebel wurde am 17.09.1845 in Hofkamp geboren. Ein kleines Dorf unter vielen kleinen Dörfern und Orten in einer Region, die heute als Solingen und Wuppertal extrem dicht besiedelt ist. Damals war alles noch sehr ländlich, und Hofkamp gehörte nach der Niederlage Napoleons und dem Abzug der Franzosen seit 1822 als „Rheinprovinz“ zu Preußen.
Das heutige Ruhrgebiet war noch lange nicht das, was es in kurzer Zeit danach wurde. Die Industrialisierung hatte bereits angeklopft, war aber noch nicht eingetreten. Dennoch sorgte die preußische Verwaltung mit dem Bau zahlreicher Eisenbahnstrecken bereits für eine solide Infrastruktur und legte damit den Grundstein zum Mythos „Kohlenpott“.
Der Junge war offenbar das einzige Kind, zumindest das einzige überlebende in einer Zeit hoher Säuglingssterblichkeit. Seine Eltern waren, der Zeit gemäß, recht jung. Der Vater Peter Siebel war 26 Jahre alt, seine Mutter Lisetta, geb. Reininghaus, erst 21.
(Anmerkung: Der Name Reininghaus sollte Bierinteressierten nicht fremd sein. Zwei Brüder, Julius und Johann Peter, Schwiegersöhne von Adolf Ignaz Mautner, Ritter von Markhof, die mit ihm die Presshefe entwickelten – Folge 31 –, hießen auch so. Der Name war in Westfalen recht häufig, aber es ließ sich trotz fast gleichen Alters keine Verwandtschaft recherchieren.)
Über Beruf und Wohlstand der Eltern ist nichts überliefert. Aber die Tatsache, dass der junge Johannes Ewald das Real-Gymnasium in Hagen besuchen und anschließend in Berlin Chemie studieren und sogar promovieren durfte, spricht für eine solide, bürgerliche Existenz. Denn arme Eltern ließen ihre Kinder in Fabriken arbeiten.
Mit ehrgeizigen Plänen über den großen Teich
Mit zwanzig Jahren, 1865, wanderte Johannes Ewald in die USA aus. Aus Johannes wurde John bzw. J. E. Siebel. Der Grund liegt wohl in den besseren Chancen, die sich der gut ausgebildete junge Mann in den rasant wachsenden USA erhoffte, die gerade ihren mörderischen Sezessionskrieg beendet hatten. Wenn er geahnt hätte, wie bald seine Heimatregion sich in ein Wunder der Industrialisierung verwandeln würde, wer weiß, vielleicht wäre er geblieben…
Jedenfalls musste er nicht lange nach Arbeit suchen, er begann sehr bald in der „Belcher Sugar Refining Company“ in Chicago als Chemiker zu arbeiten. Auch wenn Zucker nicht das wichtigste Geschäft in Chicago war – das wurde im „Schlachthaus der Welt“ sehr rasch die Fleischindustrie –, so markierte es doch Siebels Eintritt in die Welt der Lebensmittelchemie.
Wobei Zucker definitiv die bessere Wahl war, die Zustände in der Fleischindustrie waren grauenhaft in jeder Hinsicht. Chicago hatte zu dieser Zeit gut 200.000 Einwohner, nur ein Drittel von Berlin, vervielfachte sich in den nächsten 40 Jahren auf über zwei Millionen. An dieser Dynamik sollte und wollte John Ewald Siebel teilhaben.
Als Deutscher hatte er dort beste Möglichkeiten zur Vernetzung und zum sozialen Aufstieg. Beim Zensus von 1870 wurden in der Industrie Chicagos 51.000 Arbeiter gezählt, davon mehr als 14.000 in Deutschland geborene. Deutsche machten 20 Prozent der Bevölkerung Chicagos aus, aber repräsentierten 41 Prozent der Eingewanderten.
John Siebel nutzte seine Möglichkeiten gut. Bereits drei Jahre nach seiner Einwanderung, im Jahr 1868, gründet er sein erstes eigenes Laboratorium. Von da an, bis 1873, führte er Aufträge für die Stadt und den Bezirk durch.
1871 unterrichtete der umtriebige junge Mann Chemie und Physik am Deutschen Gymnasium Chicago. Im Oktober des gleichen Jahres vernichtete eine dreitägige Feuersbrunst („The Great Chicago Fire“) große Teile der Stadt, einige tausend Häuser und über 100 km an Straßen.
Ob Siebels Laboratorium betroffen war, ist nicht überliefert. Aber 1872 zog seine Firma um in den Norden Chicagos, in ein neues Gebäude in der Belden Avenue. Einen neuen Namen gab es auch: „Siebel Institute of Technology“.
Von 1873 bis 1880 war John Siebel offizieller „Gas Inspector“, also Gasanlagenprüfer, und städtischer Chemiker. Danach betreute er sechs Jahre lang die „Chemical Review“. Fraglos wurde in dieser Zeit sein Interesse für das Brauwesen geweckt. Denn schon der Titel des Magazins sagte aus „Journal für die Herstellung von Spirituosen, Bier, Zucker, Stärke und Essig“.
Familiengründung und Wechsel ins Brauereifach
1870, J. E. Siebel war erst 25 Jahre alt, heiratete er die vier Jahre jüngere Anna Regina Schäffer, die wie er selbst aus Westfalen in die USA emigriert, wo sie sich Regina Schaeffer nannte. Am 10.03.1871 erblickte das erste Kind das Licht der Welt, Gustav John. Sechs weitere sollten folgen, alles Jungen!
Fünf der sieben überlebten ihre Kindheit: Gustav (1871–1945), Friedrich P./Frederick P. (1873–1957), Ewald Hugo (1877–1932), Emil A. (1886–1941) und Dr. John Ewald Siebel, Jr. (geb. 1883, dessen Spur als Arzt verliert sich um 1950 in Chicago).
1882 wechselte J. E. Siebel endgültig zum Brauwesen. Dieses Jahr markiert den Start seiner ersten Schule für die wissenschaftliche Brauerausbildung. Als Partner hatte er den Chicagoer Brauer Michael Brand mit im Boot, der wie Siebel fortschrittlich dachte. Die Partnerschaft war indes nur kurz, danach machte Siebel einstweilen alleine weiter mit den Kursen in seinem Laboratorium. Ab Anfang der 1890er Jahre unterstützten die zwei Söhne Frederick und Emil das Institut, die Firma expandierte, die Kurse wurden umfangreicher und die Studenten wurden zahlreicher.
J. E. Siebel schrieb und publizierte unermüdlich, um sein wichtigstes Anliegen zu fördern: das Wissen und die Kenntnisse der Brauer Amerikas zu vergrößern. Er schrieb mehr als 200 Bücher und wissenschaftliche Artikel. Er veröffentlichte eine Reihe technischer Publikationen, die sich mit allen Facetten der Brauerei befassten, bis hin zum Eis und moderner, künstlicher Kühlung. Besondere Verdienste erwarb er sich auch für seine Arbeiten zu Gegendruckfüllern.
1901 gründete er ein neues Unternehmen, das „Zymotechnic Institute“. Das sollte sein Hauptwerk werden, und Siebel blieb bis 1917 als Direktor an Bord.
Hier ist vielleicht ein kleiner Einschub erforderlich, zur Erklärung des Wortes „Zymotechnologie“, das in den USA viel häufiger verwendet wird als in der deutschen Sprache: Das, was wir heute „Biotechnologie“ nennen, hat seine Wurzeln in der „Zymotechnologie“. Der Name „Zyme“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Sauerteig“ bzw. eine Substanz, die dem Teig zugesetzt wird, um ihn fermentieren und aufgehen zu lassen. Im Wort „Enzym“ findet es sich auch wieder. „Zymotechnologie“ war die ursprüngliche Bezeichnung für einen Gärungsprozess.
Siebels Zymotechnisches Institut bot Kurse in Englisch und Deutsch an. 1907 gab es bereits fünf reguläre Angebote: ein sechsmonatiger Brauerkurs, ein zweimonatiger Kurs für Fortgeschrittene (Postgraduate), ein dreimonatiger Ingenieurkurs, ein zweimonatiger Mälzerkurs und in gleicher Länge ein Flaschenfüllerkurs.
1910 erfolgte die offizielle Umbenennung in „Siebel Institute of Technology“. Der gleiche Name wie bei der ersten Gründung 1872. Die Prohibition warf bereits erste Schatten voraus, und der weitblickende Siebel beschloss, das Ausbildungsangebot dementsprechend zu diversifizieren.
Es gab Kurse für Bäcker, über Kälte und Kühlung, Mühlentechnik, CO2-haltige Getränke und im Ingenieurbereich alles, war irgendwie artverwandt war. Sein Sohn Emil Siebel gründete mit „Siebel & Co“ im Jahr 1917 ein „Bureau of Biotechnology“. Da die ersten Staaten bereits die Prohibition eingeführt hatten, ein notwendiger Schritt. Emil entwickelte dort so genannte „Temperenzler-Biere“ („Mäßigungs-Biere“) weiter, also Biere ohne Alkohol, die für die Brauer nun überlebenswichtig wurden.
Prohibition, Tod und Nachruhm
1919 erlitt J. E. Siebel – offenbar überarbeitet – einen Nervenzusammenbruch. Im September verschlechterte sich sein Zustand weiter. Am 17.01.1920 trat die Prohibition USA-weit in Kraft. J. E. Siebel sollte es nicht mehr miterleben. Er verstarb 27 Tage zuvor, am 20.12.1919 in seinem Haus in der 960 Montana Avenue in Chicago. Seine Grabstelle befindet sich auf dem Graceland Cemetery in Chicago, neben seiner Frau Regina, die ihn bereits 1897 für immer verlassen hatte.
Anhand der Nachrufe und Elogen, die posthum auf ihn gehalten wurden, kann man ermessen, wie populär und angesehen J. E. Siebel zu Lebzeiten war. Nicht nur seine Schüler und Studenten, sondern die ganze Brauwirtschaft und auch die Welt der Wissenschaft betrauerten den Verlust eines großen Mannes und Förderers des amerikanischen Brauwesens. Es ging sogar bis hin zur Formulierung, er sei durch seine Überarbeitung ein „wahrhaftiger Märtyrer der Wissenschaft“ gewesen.
J. E. Siebel war aktives Mitglied in vielen Organisationen: dem Lincoln Club, dem Deutschen Verein, der wissenschaftlichen Akademie Chicagos, dem Amerikanischen Brauerbund, dem Amerikanischen Institut für Brauwesen und der Amerikanischen Gesellschaft für Brautechnologie. Zudem galt er als exzellent vernetzt in den deutschsprachigen und -stämmigen Kreisen weit über Chicago hinaus.
Wie ging es weiter mit dem Siebel Institut?
Die Zeit der Prohibition ging 1933 zu Ende. Die überlebenden Brauereien nahmen ihr normales Geschäft wieder auf, und auch das Siebel Institut kehrte zum Brauwesen zurück. Die Leitung hatte nun Frederick P. Siebel inne, J. E. Siebels zweitältester Sohn. Unter seine Ägide gab es weiteren Fortschritt. Mit seinen Söhnen Fred und Ray trat Anfang der 1960er Jahre die dritte Siebel-Generation in die Leitung des Instituts ein. Die Brauer konnten mittlerweile ein offiziell anerkanntes Diplom in Brautechnologie erwerben. Alle anderen Nicht-Brauer-Kurse, die mit der Prohibition im Hinterkopf angelegt worden waren, wurden nach und nach eingestellt.
Im Oktober 1952 zog das Institut in ein neu errichtetes Gebäude in der Peterson Avenue, wo es für die nächsten 50 Jahre daheim sein sollte.
1992 wurde „J. E. Siebel & Sons“, wie es mittlerweile hieß, erstmals von der Familie getrennt und an die Firma Quest verkauft. Acht Jahre später reichte Quest das Institut weiter an den großen Hefeproduzenten Lallemand aus Montréal. Dadurch wurden die gärungsrelevanten Kurse nach Montréal verlegt.
2013 und 2020 erfolgten Umzüge innerhalb von Chicago. Die Notwendigkeit von moderner Technik mit Pilotbrauerei, Sensorikräumen und multimedial ausgestatteten Seminarräumen erforderte dies.
2001 war ein besonderes Jahr für das Siebel Institut: Durch die Kooperation mit der Münchner/Gräfelfinger Doemens Akademie wurde das Angebot internationaler. Die von beiden Standorten gegründete „World Brewing Academy“ (WBA) bot ab da englischsprachige brautechnologische und -technische Weiterbildung auf zwei Kontinenten an. Daran wird sich auch nach dem Umzug nach Kanada nichts ändern.
Besonders für die steigende Zahl an Studenten aus Mittel- und Südamerika bedeutet ein Studium in Kanada allerdings eine Erleichterung. Die Präsenzkurse werden in der Nähe der historischen Molson-Brauerei aus dem Jahr 1786 stattfinden, die als älteste Braustätte Nordamerikas gilt. Den neuen Campus teilen sich die Brauer zukünftig mit der Lallemand Baking Academy. Hauptsache Hefe.
Quellen
- Wikipedia.
- https://brookstonbeerbulletin.com/historic-beer-birthday-john-ewald-siebel/, abgerufen am 23.01.2026.
- https://www.siebelinstitute.com/about-us/focus-and-history, abgerufen am 23.01.2026.
- https://bier-guide.net/news/world-brewing-academy-und-siebel-wandern-aus, abgerufen am 23.01.2026.
Schlagworte
Deutschland Historisches Porträt USA
Autoren
Günther Thömmes
Quelle
BRAUWELT 8, 2026, S. 283-285


