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02.02.2026

Giganten der Biergeschichte: Paul Kolbach

Großmeister der Lehre und Forschung | Für diese Folge begeben wir uns erstmals nach Luxemburg – zumindest für den Anfang. Denn unser nächster Biergigant stammt von dort. Sein umfangreiches Werk hinterließ er allerdings in Deutschland. Leider ist die Quellenlage über Familie, Kindheit und Jugend so mager, dass man hier vom Werk auf den Menschen schließen muss. Jeder Student der Brauwissenschaft wird im Verlauf des Studiums mit der Zahl vertraut gemacht, die seinen Namen trägt.

Das Großherzogtum wurde erst im Jahr 1890 vollständig unabhängig. Die komplizierten Regelungen der Thronfolge zu erklären würde hier zu weit führen, aber nach vielen Jahrhunderten unter Habsburg, Frankreich und Preußen durften die Luxemburger sich endlich selbst verwalten. Und das bis heute. Immer noch stellt die Familie Luxemburg-Nassau aus dem Hause Bourbon-Parma das Staatsoberhaupt des Großherzogtums Luxemburg.

In dieser Zeit des Neubeginns wurde am 13. November 1894 in dem kleinen Dorf Capellen, nur knapp südwestlich der Hauptstadt Luxemburg gelegen, Paul Kolbach geboren. Capellen lag am Rand einer alten Römerstraße, die von Reims nach Trier führte. Eine alte Kapelle hatte den paar Häusern dort den Namen gegeben.

Über Eltern und Familie war nichts zu finden, allerdings ist und war der Name Kolbach dort recht geläufig. Man darf also davon ausgehen, dass er in einer bekannten Familie mit zahlreicher Verwandtschaft aufwuchs.

Paul Kolbach im Jahre 1964 (alle Fotos: VLB)

Paul Kolbach absolvierte die Grundschule in seinem Heimatort und die Oberrealschule in der Hauptstadt Luxemburg. Die Beziehung Luxemburgs zu Deutschlands war auch nach dem Ausscheiden aus dem Deutschen Bund, der festgeschriebenen Neutralität und Souveränität immer noch recht eng. Man blieb beispielsweise noch bis 1919 Mitglied im Deutschen Zollverein. So wundert es nicht, dass es den wissenschaftlich interessierten jungen Mann nach Deutschland zog.

Nun wollen wir uns dem beeindruckenden Leben und Werk Kolbachs widmen, der zum Schluss mit vollem Titel „Professor h.c. mult. (für „multiplex“, also mehrfach) o. Professor Dr. Ing. E. h. Dipl. Ing. Paul Kolbach“ hieß.

Von Luxemburg nach Berlin

Vor der Karriere kam aber der Erste Weltkrieg. Deutschland scherte sich nicht um die verbriefte Neutralität Luxemburgs und marschierte am 2. August 1914 in das Großherzogtum ein. 1915, mitten im Krieg, schrieb der junge Mann sich an der Technischen Hochschule Karlsruhe im Fach Chemie ein. Die wirtschaftliche Verflechtung half ihm wahrscheinlich, trotz des Krieges in Deutschland Fuß zu fassen. Als Luxemburger Staatsbürger war er frontuntauglich für Deutschland.

Als Luxemburg nach dem Krieg den Deutschen Zollverein verließ, schrieb der Chemiestudent Kolbach in Karlsruhe bereits an seiner Diplomarbeit. „Über die Bestimmung der Wasserstoffionenkonzentration“ (also des pH-Wertes) war ein Thema, dass so neu war, dass er sich als Fachmann des seit 1909 „pH“ genannten Wertes etablieren konnte.

Der pH-Wert wurde zu seinem Türöffner in die akademische Welt, insbesondere zu Professor Dr. Wilhelm Windisch, seines Zeichens Leiter des Chemisch-Technischen Laboratoriums an der Landwirtschaftlichen Hochschule (und der VLB) in Berlin. Der Krieg war verloren, das Kaiserreich war nicht mehr, aber mit der Zeit kehrte Normalität ein.

Die zwanziger Jahre sollten für die deutsche Wissenschaft eine Blütezeit werden. Insofern war es naheliegend, dass die VLB verstärkt junge Hochschulabsolventen rekrutierte, um die Brauwissenschaft wieder voran zu bringen.

In der Regel suchte man promovierte Chemiker, für viele sollte es ihre erste feste Anstellung sein. Zu diesen jungen Wissenschaftlern gehörten u. a. Hugo Haehn, Fritz Windisch, Hans A. Bausch oder Richard Koch. Aber auch Paul Kolbach. Denn, erstaunlich genug: Niemand an der VLB konnte damals einen pH-Wert messen. Später sagte Professor Kolbach nicht ganz im Ernst über sein wissenschaftliches Einstiegsthema: „Wenn der Herzog Wilhelm von Bayern schon etwas vom pH-Wert gewusst hätte, würde er 1516 das Reinheitsgebot anders formuliert haben.“

Kolbach nutzte die Gunst der Stunde (und seines exklusiven Expertenwissens) und begann 1920 im Labor der VLB. Einen Arbeitsplatz, den er bis 1963 nicht mehr verlassen sollte. 43 Jahre im Leben der Brauwissenschaft, bei einem einzigen Arbeitgeber – abgesehen von zwei kleinen Unterbrechungen (in der Inflationszeit und der Nachkriegszeit), die er nicht zu verantworten hatte.

Seine allererste Veröffentlichung hatte aber dann nichts mehr mit dem pH-Wert zu tun, sondern war der Not der direkten Nachkriegszeit geschuldet. Am 26. März 1921 erschien eine Arbeit Kolbachs über die Extraktergiebigkeit von Rohfrucht (Mais und Reis), um diese in Zeiten der Malzknappheit der Brauereipraxis zur Verfügung zu stellen. Von da an war Kolbach thematisch nicht mehr zu halten, nicht mehr festzulegen. Er beschäftigte sich mit allem, was brauwissenschaftlich interessant erschien und arbeitete sich durch alle Rohstoffe durch, von der Mälzereitechnologie bis zum Hopfen.

Akademische Karriere als charismatisches Vorbild

Seine Leidenschaft für die Brauwissenschaft und sein Fleiß waren nicht nur allseits geschätzt, sondern waren auch die Eigenschaften, die er für die nächsten Schritte brauchte. Ab 1925 hielt er eigene Vorlesungen („ausgewählte Kapitel der physikalischen Chemie“).
1932, nach zwölf Jahren im Dienst der VLB, beerbte er seinen Mentor, Professor Dr. Windisch. Er übernahm nicht nur die Leitung des brauchemisch-technologischen Labors, sondern auch die Schriftleitung der „Wochenschrift für Brauerei“. 1934 kamen Vorlesungen über Brauereitechnologie an der Friedrich-Wilhelms-Universität hinzu.

Das Ölgemälde, das Paul Kolbach anlässlich seines 75. Geburtstages überreicht wurde, zeigt ihn im Jahre 1969

1947, der Zweite Weltkrieg war vorbei, erfolgte die Ernennung zum Professor der Friedrich-Wilhelms-Universität (die zwei Jahre später umbenannt wurde in Humboldt-Universität). Zwei Jahre später wurde die Professur auch zum vollen Lehrauftrag erweitert. Im November 1951 wurde er zum Leiter des Forschungsinstituts für Technologie der Brauerei und Mälzerei ernannt, im darauffolgenden April erfolgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Brauereitechnologie an der Fakultät für Landbau an der TU Berlin.
Am 1. Januar 1962 wurde sein Fachgebiet in einen ordentlichen Lehrstuhl an der TU Berlin umgewandelt. So übernahm er mit 68 Jahren noch für ein Jahr den neuen Lehrstuhl für Brauereitechnologie, bevor er sich am 30. September 1964 in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedete. Es wurde ein Abschied voller warmer Worte und Laudationes.

Sein Charakter und seine Person standen bei allen, die ihn kannten, sehr hoch in Ehren. Die Studenten schätzten seine Art, Wissen gekonnt didaktisch aufzubereiten und informativ zu vermitteln. Seine Kollegen lobten seine Kollegialität, sein uneitles Wesen sowie seine „Sauberkeit des Denkens“, womit wohl eine klare, stringente Denkweise und Argumentation gemeint war. Und auch ein undogmatischer, eher vorsichtiger Ansatz. „Vielleicht verhält es sich so“ war einer seiner Lieblingssprüche. Alle zusammen rühmten jedoch überdies seine liebenswürdige, bescheidene und immer vorhandene Freundlichkeit.

Der eifrige Publizist bekommt ­„seine eigene Zahl“

Kaum jemand im Bereich der Brauwissenschaft publizierte so fleißig und unermüdlich wie Professor Kolbach. Nach seinem 70. Geburtstag wurden mehrmals „Werkschauen“ Kolbachs gemacht, dabei wurden seine Veröffentlichungen gezählt und gewichtet. Das Ergebnis: Mindestens 215 größere Schriften! Eine enorme Leistung. In der Wertung fanden sich dann 40 als grundlegend, 45 als wichtig, und 65 als bemerkenswert.

Uns Heutigen steht es nicht an, die Nachhaltigkeit derartiger Wertungen zu beurteilen. Diese sind ein Kind ihrer Zeit. Kolbach schrieb über jedes Bier-technologische Thema, das ihm wichtig erschien, egal ob Rohstoff oder Prozess. Und obwohl er bei all dieser Schaffenskraft kein eigenes Lehrbuch schrieb, hat er doch einen besonderen Beitrag für die Welt der Standardwerke der Brautechnologie geschaffen: Er übersetzte Jean De Clercks französisches „Cours de brasserie“ als „Lehrbuch der Brauerei“ ins Deutsche. Die zwei Bände (I. Rohstoffe, Herstellung, Einrichtungen; II. Analysenmethoden und Betriebskontrolle) wurden bis heute mehrfach aufgelegt und enthalten 2300 Druckseiten.

Am nachhaltigsten bekannt ist Paul Kolbach jedoch bis heute mit einer Zahl, die er selbst gar nicht so wichtig fand, und deren angebliche Bedeutung er gerne ironisch belächelte: Die „Kolbach-Zahl“ gibt das Verhältnis von löslichem Stickstoff im Bezug zur Gesamtstickstoffmenge in Braumalz an. Ebenfalls in der Nomenklatur findet man bis heute die „Grad Windisch-Kolbach“ zur Messung der Diastatischen Kraft.

Aktiv und geehrt

So war es kein Wunder, dass Kolbach im In- wie im Ausland ein gefragter Experte war. Er war Mitglied der Deutschen Analysen-Kommission, des Analysen-Komitees der EBC, wirkte ebenso in der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des deutschen Qualitätsgerstenanbaus und war in Prüfungskommissionen und als Preisrichter aktiv.

Bei einem derart aktiven Leben waren Ehrungen die logische Folge. Den „Ignaz-Nacher-Preis“ (Teil 30 dieser Reihe, BRAUWELT Nr. 4, 2024) erhielt er bereits 1931. In den nächsten Jahrzehnten folgten h.c. Professuren im Ausland, Verdienstmedaillen und Ehrenmitgliedschaften bei VLB und Brau- und Malzmeisterbund. 1965 folgte das Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Und auch die Fakultät für Brauwesen in Weihenstephan ließ es sich nicht nehmen, ihm anlässlich der Hundertjahrfeier der Fakultät die Würde eines Ehrendoktors zuzusprechen.

Das Ölgemälde ist heute im Foyer der VLB ausgestellt

Über Professor Kolbachs privates Leben ist wenig bekannt, aber er scheint auch dort sein Glück gefunden zu haben. Seine Frau Paula stammte aus Elbing (heute Elblag, im polnischen Masuren). Die Ehe war mit einem Sohn (Peter) und einer Tochter (Evelyn) gesegnet. In seiner knapp bemessenen Freizeit las Kolbach gerne dicke historische Wälzer und spielte mit Freunden ab und zu eine Runde Skat. Die Familie Kolbach lebte in Hohen Neuendorf in Brandenburg, unmittelbar im Nordosten Berlins, wo der Professor auch mit Hingebung gärtnerte und den Speiseplan mit selbstgezogenem Gemüse bereicherte. Insofern passten diese unglamourösen Hobbys zu seiner bescheidenen Persönlichkeit.

Die schwerste Entscheidung privater Art wurde ihm dann von der unseligen Zeitgeschichte aufgezwungen: 1952 musste die Familie umziehen, ihr geliebtes Haus in Brandenburg verlassen und nach West-Berlin übersiedeln, damit Paul Kolbach weiterhin bei der VLB arbeiten konnte.

Professor Kolbach verstarb am 18. März 1974 im 80. Lebensjahr und wurde auf dem Friedhof Berlin-Frohnau an der Hainbuchenstraße bestattet (Abteilung III: Reihe 14, Nr. 2 und 3). Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er drei Enkelkinder. Seine Frau Paula überlebte ihn nur kurz.

Die VLB bewahrt ihm eine dauerhafte Erinnerung, indem sie sein Porträt im Foyer ausstellt. Das Bild stammt von dem Maler Bernhard Boës (*1931) und wurde Paul Kolbach als Geschenk zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1969 von der Vereinigung ehem. VLBer überreicht. Dazu bemerkte er nur lakonisch: „Jetzt binde ich mir schon mal eine gute Krawatte um, und dann kommt die nicht zur Geltung!“ Auch ein ansonsten uneitler Mann wollte sich der Nachwelt gut präsentieren. Das hat er ohne Zweifel erreicht, auch ohne einen eindrucksvollen Binder.

Abschließen möchten wir diese Folge mit einem Zitat aus der Würdigung „Was bleibt?“ zum 100. Geburtstag Professor Kolbachs: „Mit seinem Namen ist der Übergang von der Empirie zur Brauwissenschaft verbunden. Manche althergebrachte Verfahren der Praxis vermochte er wissenschaftlich zu untermauern, mit romantischen Ansichten über die Bierbereitung aber aufzuräumen.“

Quellen

  1. Wikipedia.
  2. Schultze-Berndt, H.G.; Zufall, C.; Wackerbauer K.: „Was bleibt? Paul Kolbach 100 Jahre“, Monatsschrift für Brauwissenschaft, VLB, 12/1994.
  3. Chronik: Die VLB Berlin im Wandel der Zeit, Brauerei-Forum, Teile 1–2, 2021.
  4. Diverses Archivmaterial der VLB.

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